ALTE NARBEN

Der allererste Sonnenstrahl suchte sich zaghaft einen Weg vom Horizont in das Grau des neuen Tages. Zeit für den Morgenappell, dachte der Alte. Er hatte die Vorhänge einen fingerbreiten Spalt aufgelassen, sodass das noch schwache Licht durch ihn hindurchsickerte wie durch einen Schlitz, der so ähnlich auch einmal zwischen den Brettern einer zugigen Holzhütte gewesen sein mochte. Und wie in jener Zeit, in der Jakob Kratz das Schlafen verlernt hatte, in der er Nacht für Nacht auf den nächsten Tag, auf den letzten Tag, wartete, so hatte er auch jetzt wach gelegen. Er hatte die vielen Schattierungen von Dunkelheit beobachtet, das Schwarz der Stunden nach Mitternacht, das Anthrazit des heranbrechenden Morgens, das fahle Aschgrau, das sich mehr und mehr rot färbt, bis der erste Sonnenstrahl das Spiel beendet und man gut daran tut, sich von dem Signal, das zum Appell ruft, nicht überraschen zu lassen. Die Männer in den Uniformen wissen, dass du noch Kraft hast, im Körper und im Geist, dass du dich und die Welt noch nicht aufgegeben hast. Und deshalb prügeln sie dich, wenn du die Baracke verlässt, noch im Halbschlaf, sie hetzen den Hund auf dich, damit sie sehen, wie schnell du laufen kannst. Oder sie prügeln jemand anderen an deiner Stelle, einen Kameraden, der weniger verträgt als du, jemanden, der die Schläge nicht mit seinem Hass auffangen kann, jemand, der bereits über den Hass hinaus erschöpft und gebrochen ist.
Jakob Kratz erhob sich aus dem Bett und trat ans Fenster. Nein, er hatte sich nicht brechen lassen. Er hatte sich nicht aufgegeben. Doch es war nicht die Hoffnung gewesen, die ihn am Leben gehalten hatte. Die Hoffnung hatte er in Theresienstadt bei seiner Familie zurückgelassen, als man ihn nach Treblinka brachte. Von dieser Zeit an lebte er nur noch vom Hass. Der unbändige Hass auf die Folterknechte und Mörder, die bar jedes Sinns die Hölle auf Erden beschworen hatten. Zu aufsässig war der junge Jakob gewesen, zu energisch, als dass er noch länger in Theresienstadt hätte bleiben dürfen. Dort durfte man an Krankheit, Kälte, Unterernährung oder Verzweiflung sterben. Doch Jakob Kratz war suspekt, ja gefährlich gewesen, ein jugendlicher Querdenker schon in Friedenszeiten, ein Aufrührer aus Sicht der Männer in Uniform. Stark und starrköpfig, wehrhaft. In Treblinka sollte er verrecken. Doch er tat ihnen diesen Gefallen nicht. Er blieb wach und am Leben. Jakob wartete nicht auf Gelegenheiten, die vielleicht nie kommen würden. Er war ein Mensch, der Gelegenheiten herbeiführte. Und es gab andere wie ihn. Erfahrene, zähe Soldaten. Kluge Organisatoren, die einen jungen, hasserfüllten Überlebenskämpfer gut einzusetzen wussten. Durch diesen Spalt zwischen zwei Brettern hatte er die Dunkelheit beobachtet, sie geradezu hinweggestarrt und das erste Licht herbeigezwungen. Er musste noch bis zum Nachmittag warten. Dieser Tag war fast so lang gewesen wie die vorangegangene Nacht. Doch es war nicht die erhoffte Befreiung gewesen. Nur der Auftakt für noch mehr Gewalt, noch mehr Tod.
Jakob Kratz schob die Vorhänge beiseite und sah hinaus. Ein leichter, durchsichtiger Nebelschleier lag zwischen den Hügeln. Die grünen Wälder und darin versprengt die roten Sandsteinfelsen Nideggens waren genauso schön wie damals, als er sie vor acht Jahrzehnten als Kind durchstreift hatte. Heimat war das. Eine Heimat, die ihn ausgestoßen hatte, zu der er nicht mehr gehören durfte. Die Rur floss dort unten durch das Tal, als sei nichts geschehen. So wie das Wasser nicht hatte den Berg hinauffließen wollen, so wenig hatten die Nachbarn versucht zu verhindern, dass man ihn mit vielen anderen Nideggener Juden wie Vieh im Haus der Familie Schwarz zusammengepfercht und letztlich deportiert hatte. Die Namen seiner Eltern und Geschwister hatte er später, nach dem Krieg, in den Todeslisten gefunden. Er selbst hatte Treblinka überlebt und, nachdem man ihn nach dem misslungenen Aufstand von Treblinka halbtot geschlagen und weiter deportiert hatte, auch Sobibór.
Jakob schloss die Augen. Er konnte die vor seinem inneren Auge auftauchenden Bilder nicht mit dem in Übereinstimmung bringen, was er aus seinem behaglichen Zimmer der Seniorenresidenz sah. Seine starken Hände, die den Holzstiel fest umklammern, die matt schimmernde Schneide, wie sie in den fleischigen Rücken des SS-Scharführers eintaucht, das spritzende Blut, als er die Axt aus dem sich am Boden windenden Körper herausreißt, um noch einmal zuzuschlagen. Dann hinaus, nur schnell hinaus und durch die Bresche, die die Kameraden mit ihrem Fleisch in den Stacheldraht gerissen haben. Dann das Minenfeld, übersät mit zerrissenen Leibern.
Überlebt.
Jakob schüttelte müde den Kopf. Wozu überlebt? Gleich würden wieder Männer in Uniform kommen. Sie würden Fragen stellen. Was er in der Nacht am Waldrand gesucht hatte? Wie er im Dunkeln den Toten gefunden hatte? Oder ob er nicht gleich zugeben wollte, dass er den Knüppel geschwungen hatte? Worum war es in dem Streit mit Floto gegangen?
Die Sonne ging auf und machte sich daran, die feinen Nebelschleier zu vertreiben. Das Grün der bewaldeten Hügel wurde satter, der Himmel wurde des fahlen Grau überdrüssig und schmückte sich mit sanftem Kobaltblau. Jakob zog die Vorhänge ganz auf und beobachtete erstaunt, wie das Licht sein Zimmer in Besitz nahm. Niemand rief zum Morgenappell. Der Alte überlegte, ob es nicht angenehm wäre, sich noch etwas hinzulegen.
Der Frühstücksraum würde erst in zwei Stunden öffnen. Und jetzt war das Licht da.




ALTES EISEN

Der alte Erzbischof lag in würdevoller Haltung lang ausgestreckt auf dem Rücken. Seine erstarrten Züge muteten auf eine unwirkliche Art jugendlich an und fast so, als befinde er sich in seliger Entrückung.

Rita Bertold betrachtete das leblose Gesicht mit der Sorgfältigkeit der erfahrenen Ermittlerin. Die weit auseinanderstehenden Augen blickten kalt, der Mund mit den schmalen, geschlossenen Lippen drückte Entschlossenheit aus. Nase, Kinn und Wangenknochen waren markant, passend zu seinem Amt eines Kirchenfürsten.

Die Kommissarin wandte sich dem Priester zu, der mit bleichem Gesicht neben ihr stand. „Sagen Sie, wie lange ist dieser Konrad von Hochstaden schon tot?“

Der Geistliche überlegte kurz und antwortete dann: „Etwa siebenhundertfünzig Jahre, Frau Kommissarin. Er starb im Jahre zwölfhunderteinundsechzig.“

Rita nickte kurz und sagte dann zu einem ihrer Kollegen, der einige Meter entfernt von ihr dabei war, sein Arbeitsgerät einzupacken. „Und der da, Herr Doktor?“

Etwa sechs bis acht Stunden, würde ich sagen.“

Rita trat von der Bronzeplastik des alten Erzbischofs hin zu dem metallenen, vielleicht drei Meter hohen Geländer, welches das Grabmal umgab. Mit derselben überlegten Genauigkeit betrachtete sie nun den Toten, der bäuchlings über dem Geländer hing, aufgespießt von einigen der vergoldeten, lilienförmigen Spitzen, mit denen die Umzäunung des Grabmals verziert war.

Frau Kommissarin“, wandte sich der Priester an Rita. „Bitte, wie lange müssen wir den armen Bruder Dominik noch in dieser unwürdigen Haltung belassen? Das ist unerträglich.“

Rita schaute den Mediziner an, der die Schultern zuckte und sagte: „Wenn die Spurensicherung ansonsten so weit ist, kann er runter.“

Rita trat noch näher an den Toten heran. Bei ihrer Körperlänge von einsfünfundachtzig brauchte sie sich nicht übermäßig zu strecken, um ihn aus der Nähe zu betrachten. „Er sieht nicht so aus, als ob er sich gewehrt hätte.“

Der Gerichtsmediziner trat zu ihr. „Ich bin mir noch nicht sicher, was hier geschehen ist. Wenn er aus größerer Höhe auf das Geländer gefallen wäre, würde ich mich nicht wundern. Das ist aber hier völlig ausgeschlossen. Er wurde auf das Geländer gehoben, vermutlich von mindestens zwei kräftigen Personen, und dann mit Gewalt auf die Metallspitzen gedrückt.“

Rita nickte nachdenklich. „Ich bin gespannt auf die Obduktion.“

Der Priester trat an sie heran und bat erneut: „Bitte, Frau Kommissarin.“

Rita sah auf und wies ihre Kollegen an: „Jaja, nehmt den armen Kerl herunter.“

Dann ließ sie ihren Blick nochmals durch die Johanneskapelle des Kölner Doms wandern. Das Metallgitter, an dem der Tote hing, trennte das Grabmal des mittelalterlichen Erzbischofs vom prachtvollen Chorgang ab. Die Tür, durch welche diese Umzäunung passiert werden konnte, war aufgebrochen worden. Rita trat wieder an das Hochgrab, welches von der lebensgroßen Bronzeplastik des liegenden Konrad von Hochstaden beherrscht wurde. Sie winkte den Geistlichen heran, der entsetzt verfolgte, wie die Polizisten den Toten vom Geländer abhoben. Er bekreuzigte sich und murmelte einige Worte im stillen Gebet, als er auf Rita Bertold zuging.

Sagen Sie“, sagte Rita. „Bruder Dominik muss mitten in der Nacht ermordet worden sein. Was, glauben Sie, hat er um diese Zeit hier gemacht?“

Wissen Sie“, antwortete der Geistliche, „der Dom öffnet um sechs Uhr in der Früh. Einige Bedienstete des Doms sind schon deutlich früher hier, aus ganz unterschiedlichen Gründen.“

Was sind das beispielsweise für Gründe?“

Es wird die Frühmesse vorbereitet, auch Kollegen von der Dombauverwaltung, Restauratoren, Steinmetze, Architekten und so weiter sind manchmal schon da, um sich in Ruhe ein paar Dinge anzusehen.“

Und Bruder Dominik?“

Bruder Dominik ist – war – Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Domschatzkammer.“

Rita hob die Augenbrauen. „Und da geht man mitten in der Nacht in den Dom? Gibt es dafür einen normalen, will sagen einen üblichen Grund?“

Der Geistliche zuckte die Achseln. „Nein, eigentlich nicht.“

Und Sie haben ihn gefunden?“

Ein Polizist aus Ritas Team schaltete sich in das Gespräch ein. „Eine Raumpflegerin hat ihn gefunden. Sie rannte davon und schlug Alarm. Im Moment wird sie psychologisch betreut und kann daher leider noch nicht befragt werden.“

Rita wandte sich wieder dem Priester zu. „Und Sie?“

Ich wurde von Ihren Kollegen dazugerufen, als man alles abgesperrt hat.“

Und dieses Grabmal hier? Was könnte der Bruder hier gewollt haben – oder sein Mörder?“

Ich weiß es wirklich nicht, Frau Kommissarin.“

Kennen Sie diesen Teil des Doms genau?“

Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren jeden Tag hier“, antwortete der Geistliche.

Das ist gut! Dann sehen Sie sich bitte einmal alles hier genau an. Was fällt Ihnen auf? Ist irgendetwas verändert? Fehlt etwas?“ Der Mann sah sich gründlich um. Dann schüttelte er stumm den Kopf.

Rita fragte weiter: „Was ist in diesem Raum so wertvoll, dass sich ein Diebstahl lohnen würde? Kann der Bruder vielleicht Kunstdiebe überrascht haben?“

Der Priester nickte. „Alles hier ist von unschätzbarem Wert. Vor allem die Bronzefigur des Erzbischofs Konrad von Hochstaden. Sie gilt als eine der bedeutendsten deutschgotischen Bronzeplastiken des dreizehnten Jahrhunderts. Aber sie zu stehlen würde einen beträchtlichen logistischen Aufwand erfordern.“

Rita wandte sich an ihre Kollegen, die mittlerweile die Leiche transportfertig gemacht hatten. „Schmitz, bitte setzt alles daran, dass der ganze Raum genauestens untersucht wird – und bitte in enger Zusammenarbeit mit Spezialisten von der Domverwaltung. Und sprecht, sobald sie vernehmungsfähig ist, mit der Frau, die den Toten gefunden hat.“

Zu dem Priester sagte sie: „Können Sie bitte veranlassen, dass meine Kollegen entsprechende Unterstützung erhalten? Hier müssen Kenner der Örtlichkeit und aller Kunstwerke mithelfen.“

Der Geistliche nickte zustimmend.

Meister Schmitz, ich brauche bis morgen früh eine Liste mit allen Dingen, die hier fehlen, hinzugekommen sind oder irgendwie verändert scheinen. Der Herr Pfarrer hier besorgt euch die Spezialisten von der Domverwaltung.“

Alles klar“, antwortete Schmitz. „Und was machen Sie jetzt, Chefin?“

Rita schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich habe einen wichtigen Termin in Nideggen.“

In Nideggen?“

Ja“, sagte Rita und lächelte. „Opa Bertold wartet schon auf mich.“



ALL DIE ALTEN KAMERADEN

Bitte, Herr Bertold, stellen Sie sich doch nicht so an!“

Die Ärztin lächelte etwas hilflos.

Der Mann blickte auf seine heruntergelassene Hose, dann auf die Ärztin und entgegnete freundlich:

Junge Frau, bitte unterstellen Sie mir nicht, ich würde mich anstellen, nur weil ich mich nicht auf der Stelle so hinstelle, wie Sie es sich vorstellen.“

Aber Herr Bertold“, versuchte sie es wieder und wedelte mit der Spritze, die sie in ihrer Rechten hielt und die offenbar darauf wartete, in das halb entblößte Gesäß des Mannes versenkt zu werden.

Sie müssen sich nur an den Tisch lehnen und ein Bein etwas entlasten, sonst kann ich den Impfstoff nicht injizieren.“

Herr Bertold schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.

Früher bekam man die Spritzen in den Oberarm, und dann war gut. Jetzt muss es der Hintern sein, und die Stellung wird auch vorgeschrieben!“

Wollen Sie nun geimpft werden oder nicht, Herr Bertold?“

Sie wissen doch, dass ich das ohnehin nicht will. Und bestimmt nicht rückwärtig in dieser Haltung!“

Die Ärztin seufzte.

Ich glaube, es ist besser, ich rufe Ihren Pfleger.“

Tun Sie das, der ist ein netter Kerl, passt zu Ihnen“, knurrte Bertold und versuchte ein Grinsen.

Die Frau seufzte nochmals und verließ den Raum. Als sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, grummelte Bertold vor sich hin: „Kommissar Wollbrand war in einer misslichen Lage. Wenn die schöne Agentin zurückkehren und das Natriumpentothal in seinen Hintern jagen würde, wäre er ihr hilflos ausgeliefert. Nicht auszudenken, was sie ihm entlocken könnte, wenn sein starker Geist, und wer weiß, vielleicht sogar auch sein Hintern nicht mehr seiner Kontrolle unterliegen würden.“

Die Türe öffnete sich wieder, und die Ärztin kehrte in Begleitung eines jungen Mannes zurück.

Hi, Opa Bertold“ grüßte dieser. „Ist Kommissar Wollbrand mal wieder in Lebensgefahr?“

Herr Bertold blickte den jungen Mann tadelnd an, um ihm anzudeuten, dass er die Erwähnung des Kommissars überhaupt nicht schätzte. Dann antwortete er freundlich:

Benny, du musst mir helfen. Diese Mörderin in Weiß“ – er zeigte mit dem Kinn auf die abwartend in der Tür stehende Ärztin – „will mich rückwärtig intramuskulär vergewaltigen. Können wir das zulassen?“

Benny Bethge lachte lauthals los. „Klar können wir das, Opa!“, rief er aus. „Das hat sie mit mir letzte Woche auch schon gemacht!“

Opa Bertold runzelte die Stirn.

Das sagst du mir doch jetzt nicht nur so?“

Der junge Mann grinste wölfisch. „Nee, wirklich. Das war echt eine Erfahrung. Und ich konnte danach immer noch gehen.“

Bertold grunzte. „Dein Hintern ist auch noch ein bisschen jünger als der meinige.“

Ausreden, nichts als Ausreden“, versetzte Benny Bethge.

Da wird doch nicht etwa eine Spur Angst vor dem kleinen Piekser dabei sein?“

Jetzt reicht’s mir aber“ brummte Opa Bertold. Er zog die Hose wieder etwas herab, lehnte sich an den Tisch, versuchte wie vorhin erklärt ein Bein locker zu lassen und meinte: „Los Mädchen, rein damit, damit ich zum Kaffee nicht zu spät komme!“

Die Ärztin wartete keine weiteren Diskussionen ab, trat schnell näher, desinfizierte Bertolds Gesäß und verabreichte ihm die Injektion. Opa Bertold zuckte kurz, murmelte leise etwas vor sich hin, was niemand verstehen konnte (aber Benny Bethge wusste, dass Kommissar Wollbrand gemeint war) und zog dann sehr schnell seine Hose wieder an.

Die Ärztin lächelte erleichtert: „Na, das ging doch wunderbar.“

Opa Bertold grinste schief zurück. „Na mal sehen, ob ich jetzt auch noch wunderbar gehen kann!“

Benny lachte. „Hauptsache geimpft. Wofür oder besser gefragt wogegen war das jetzt eigentlich?“

Hey, ich dachte du hättest diese Impfung auch vor kurzem bekommen?“ schimpfte Opa Bertold. Benny lachte weiter und bugsierte Bertold aus dem Zimmer. „Ups, da hab’ ich mich doch jetzt mal wieder verplappert!“

Ich wusste, dass du ein Schlingel bist“, grinste Opa Bertold, als die beiden auf dem Gang waren. „So was wie dich sollte man nicht als Pfleger beschäftigen.“

Wozu bin ich denn sonst zu gebrauchen?“

Na, da wird sich bestimmt schon noch was finden“, orakelte Bertold. „Jetzt geh’ ich aber wirklich erstmal einen Kaffee trinken.“

Ich muss noch ins Schwimmbad“ meinte Benny. „Wenn’s recht ist, sehen wir uns später am Nachmittag nochmal.“

Das ist recht“, meinte Bertold und blickte dem davon eilenden Bethge noch nach, bis dieser um die nächste Biegung des Ganges verschwunden war. Er nahm sich vor, noch an diesem Tage Benny einzuschärfen, dass er Kommissar Wollbrand im Beisein anderer nicht zu erwähnen hatte. Dann machte er sich auf den Weg in den Garten, wo täglich ab 15.00 Uhr Kaffee serviert wurde. Seine rechte Gesäßhälfte schien ein wenig zu ziepen, darum ging er sehr langsam. Anderenfalls wären ihm die leisen Stimmen, die aus einem Zimmer drangen, vielleicht gar nicht aufgefallen. Die Tür dieses Raumes war geschlossen, und es wurde auch nicht laut gesprochen. Doch der Klang der Stimmen ließ Bertold innehalten und genauer horchen. Er murmelte vor sich hin: „Wollbrands Ohren waren vielleicht schon alt, jedoch immer noch sehr scharf. Dieses Gespräch hinter geschlossener Türe hatte sicher keinen alltäglichen Inhalt, erst recht nicht für ein Zimmer in der beschaulichen Seniorenresidenz Burgblick“.

Und so war es auch. Bei genauerem Hinhören war ein recht seltsamer Dialog zu verstehen. Eine kalte und schneidende Stimme, die Lorenz bekannt vorkam, sagte:

So so, kommen die Amis also endlich.“

Eine andere Stimme antwortete: „Ja, endlich. Ich bin das lange Warten und Suchen wirklich Leid.“

Wer wird dabei sein?“

Das ist leider nicht zu erfahren. Wir können nur hoffen, dass jemand dabei ist, der Bescheid weiß. Müsste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht.“

Ich brauche Namen, verdammt!“ Die schneidende Stimme wurde noch schärfer. „Besorg’ mir die Namen. Ich will vorher wissen, gegen wen ich kämpfen muss. Und jetzt Schluss!“

Lorenz Bertold hörte Schritte, die sich der Tür näherten, und wandte sich schnell ab. Er war erst zwei, drei Schritte den Flur hinunter gegangen, als die Tür geöffnet wurde. Lorenz konnte nicht anders, er musste seinen Kopf wenden und die Männer betrachten, die aus dem Zimmer traten. Ein Mann, etwa im selben Alter wie Lorenz, ging voran. Lorenz kannte den Mann, er war ein Mitbewohner des Hauses. Hinter ihm wurde ein offensichtlich sehr alter Mann im Rollstuhl aus dem Zimmer gefahren. Bertold kannte diesen, es war ebenfalls ein Mitbewohner, der ihn mit bösem Blick fixierte. Er wurde von einem dritten, jüngeren Mann, offenbar seinem Sohn, geschoben, der als letzter auf den Gang trat. Bertold war froh, die nächste Biegung erreicht zu haben und dem stechenden Blick des Alten zu entkommen. Leise murmelte er vor sich hin: „Kommissar Wollbrand brauchte nicht lange nachzudenken, um zu erkennen, dass er hier einem konspirativen Treffen mit kriminellem Hintergrund auf die Schliche gekommen war.“

Opa Bertold kratzte sich den Kopf, versuchte sich auf das eben Gehörte einen Reim zu machen und kam zu dem Schluss, dass ihm dies im Garten bei einer leckeren Tasse Kaffee viel besser gelingen würde.